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5. März 2018

Sicherheitssymposium 2018



Sicherheit beim Gleitschirmfliegen: dieses Thema ist wohl ein Dauerbrenner. Der Soaring Club hohe Wand lud auch heuer wieder zu einem Symposium zu diesem Thema. Wie immer war Mitarbeit gefragt, und etliche sinnvolle Anregungen kamen aus dem Publikum.


Die Vortragenden Michael Saletu und Roman Wasylkiw können als Fluglehrer mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung aus dem Vollen schöpfen. Hier wieder einmal meine Notizen, was ich mitgenommen und wie ich es verstanden habe.



Siehe auch Bericht auf der Homepage des Soaring Club Hohe Wand incl. Folien  zum nachlesen (nur für Mitglieder) 

Michael Saletu, Leiter der Flugschule Hohe Wand, rief uns die Themen Vorflugcheck und Startcheck in Erinnerung.

Was Michi schon alles am Startplatz aufgeklaubt hat: Kameras, Geldbörsen, Schlüsseltascherln, Variometer, und sogar Schuhe!

Schnallen der Gurtzeuge sind in heikles Thema. Es gibt kaum eine Schnalle für die es nicht eine Sicherheitsmitteilung gibt. Diese sollte man natürlich beachten. Außerdem ist immer zu überprüfen ob die Schnalle nicht durch Schnee oder Schmutz beeinträchtigt ist. Zusätzlich empfiehlt es sich, Schnallen regelmässig zu schmieren (WD40). Außerdem soll man die Schnallen nicht über den Boden schleifen.

Beim Prüfen der Gurten nicht nur hinschauen, sondern hingreifen.

Auch die Leinenschlösser sollten vor dem Start kontrolliert werden. Ich selbst habe sogar schon einmal nach der Landung ein offenes Leineschloss bemerkt.

Kleine Verhänger am Außenflügel wirken sich deswegen besonders ungünstig aus, weil der lange Hebelarm dafür sorgt dass der Schirm zur Seite zieht. Gegensteuern macht den Schirm langsam und erhöht die Gefahr eines Strömungsabrisses.

Mögliche Abhilfe bei einem Verhänger: Ohren anlegen.

Der Startplatz muss immer freigehalten werden. Toplanden am Startplatz, Touch-and-Go und Wingover über dem Startplatz sind Modeerscheinungen die die Sicherheit gefährden.
Startende Piloten sollen sich absprechen damit sie nicht nebeneinander und auch nicht knapp hintereinander starten. Der Vorschlag, verpflichtend "Start" zu rufen wurde nicht gut geheißen, da man sich dabei möglicherweise selbst unter Druck setzt und auf Biegen und Brechen versucht loszufliegen.

Toplandeplatz:
Ein Unfall-Hotspot ist unser Toplandeplatz. Michi veranschaulichte anhand einer Grafik  welche Leedwirbel am Toplandeplatz auftreten. Man sieht auf den ersten Blick dass es kein optimaler Landeplatz ist. Es wurde sogar darüber diskutiert ob der Toplandeplatz generell gesperrt werden soll. Das wohl nicht, aber der  Club empfiehlt das landen auf dem Toplandeplatz ausdrücklich nicht.


Ein häufiges Problem, nicht nur am Toplandeplatz, ist der Windgradient. Das bedeutet, dass der Gegenwind in Bodennähe schwächer wird. Es kommt zu einer Anstellwinkelerhöhung. Der Steuerdruck bleibt gleich, so dass der Pilot gar nichts davon bemerkt. Wenn der Schirm vornickt um die fehlende Fahrt aufzunehmen, kann der Pilot versucht sein den Schirm zu bremsen wodurch es zum Strömungsabriss kommen kann. Eine Möglichkeit, die Auswirkungen des Windgradienten zu reduzieren, ist quer zum Wind zu landen (was auf unserem Toplandeplatz aus Platzgründen nicht möglich ist).


Roman Wasylkiw stellte das neue Flugschulgebiet in der Hochsteiermark vor, eine Erweiterung der Flugschule Hohe Wand. Zusätzliche 50 Minuten Fahrzeit werden die Wettersicherheit erhöhen. Die Zulassung als Schulungsgelände ist soeben im Gange (und deswegen sind die Ampeln auf der Hompage derzeit noch rot). Roman ist auch Sicherheitstrainer. Er macht einen sehr kompetenten und engagierten Eindruck. Bei ihm möchte ich gerne ein Sicherheitstraining machen.

Roman stellte die an sich bekannte Unfallstatistik des DHV vor, nach der die Anzahl der tödlichen Unfälle über die Jahre ungefähr konstant geblieben ist während die Anzahl der Paragleiter kontinuierlich steigt. Trotzdem wird die Unfallgefahr beim Paragleiten generell als großes Problem wahrgenommen. Als Konsequenz daraus wird es Kontrollen geben, bei der Kontrolleure vom Aero-Club den Flugschein, die Haftpflichtversicherung, und den Schirmcheck überprüfen. Daher sollte man die entsprechenden Dokumente immer bei sich führen.

Roman präsentierte Beispiele von Flugunfällen bei denen die Piloten nicht oder falsch reagierten.

Eine einfache Maßnahme zur Erhöhung der Flugsicherheit ist das ständige Üben von Groundhandling.

Hangnahes eindrehen: Gleich zügig eindrehen, wenn ich später stärker kurven muss kann es passieren dass ich den Schirm abreiße.

Auch Roman geht noch einmal auf das Thema Schnallen ein. Vor dem Start noch einmal zudrücken. Bei den Cobra-Schnallen kann es passieren dass eine Seite einrastet, aber die andere nicht. Um das auszuschließen soll man hin und her wackeln damit gegebenenfalls auch die zweite Seite einrastet.

Einseitiger Klapper:
Roman hält nicht viel vom sogenannten "Nesler Griff" (festhalten am Tragegurt der offenen Seite), da man dann kein Gefühl für die Bremse hat. Im Gegensatz dazu empfiehlt Roman, sich in die entlastete Seite hinein fallen zu lassen und dadurch die entlastete Seite zu belasten.
  • Wenn es einseitig hebt dann die hebende Seite belasten. 
  • Wenn es einseitig entlastet dann die entlastete Seite belasten. 
Generell: in der Hüfte locker bleiben und nicht vor Schreck stocksteif werden. Roman empfiehlt generell Gurtzeuge mit Sitzbrett, vor allem für Anfänger um das aktive fliegen zu erlernen.

Sitzbrettlose Gurtzeuge haben den Vorteil dass sie nicht beim Gehen und Laufen stören, sodass der Pilot nicht versucht ist die Beinschlaufen z.B. nach einem Fehlstart zu öffnen. Aber: Wenn das Sitzbrett stört, dann ist das Gurtzeug wahrscheinlich falsch eingestellt.

Das Gurtzeug ist wichtiger als der Schirm.
"G'flogn wird mi'n Oasch!"
(Geflogen wird mit dem Gesäß, Anmerkung für nicht-östereichische Leser)

Michi betont dass 80% der Gurtzeuge falsch eingestellt sind, teilweise deswegen weil sie sich mit der Zeit verstellen. Als Abhilfe empfiehlt er, die Einstellungen zu fixieren indem man sie vernäht.

Aktiv fliegen über den Beschleuniger funktioniert gut, aber man muss es üben.

Frontklapper:
Steuerdruck weg - Hände hoch! Blick zum Schirm. Wenn die Ohren nach vorne kommen, kurzer Impuls.

Unbedingt mit Handschuhen fliegen! Im Falle eines Retter Wurfes ist es sonst unmöglich, den Hauptschirm einzuholen.

Trudeln:
Im Ansatz erkennen, fliegen lassen. Abfangen: stark und kurz.

Start:
Kurzer Impuls, Schirm langsam steigen lassen, stabilisieren. Den Schirm nicht davonlaufen.

Windspion am Tragegurt: starkes Sinken erkennen (Stall-Gefahr, Sackflug-Gefahr)

Kollisionen: 50 % der Kollisionen passieren bei wenig Flugbetrieb. Da sind nur zwei Flieger in der Luft, und die beiden fliegen zusammen. Also immer aufpassen, nicht nur wenn viel Flugbetrieb herrscht!

Mentales training:
Roman legt beim Sicherheitstraining viel Wert auf mentales Training. Ein gelungenes Manöver in Kopf nachfliegen.

Stabile Steilspirale: Kräftiger Impuls zum Ausleiten. Wenn ich nicht aus der Spirale heraus komme, überprüfen ob ich nicht noch mit dem Gewicht auf der Innenseite hänge.

Moderne Schirme wollen generell mit kurzen und kräftigen Impulsen gesteuert werden. Dann gibt es keinen leistungsmindernden Steuerdruck.

Front-Gurt einstellen: Nicht (wie oft empfohlen wird) mit dem Maßband auf 42cm, sondern im ruhigen Flug den Front-Gurt ganz locker machen, dann so weit anziehen bis er wieder Spannung hat und dann noch um 2 Uhr Zentimeter kürzer. So fliegt auch der Schirm am besten.

Bremsgriff Haltung: Halbe Wicklung ist am besten. Nur ja nicht die Skistock-Schlaufen-Haltung! Da kommt man im Notfall nicht heraus. Auch Muffs gegen Kälte werden in dieser Hinsicht argwöhnisch betrachtet.

Es hätte noch sehr viel zu besprechen gegeben und Roman hätte noch etliche Folien gehabt. Aber unsere Aufmerksamkeit war auch durch die rege Diskussion schon an ihre Grenzen gelangt.

Vielen Dank für diese interessante und anregende Veranstaltung, vielen Dank an die beiden Vortragenden, vielen Dank an den Soaring Club Hohe Wand!